manushyanam sahasreshu

kascid yatati siddhaye

yatatam api siddhanam

kascin mam vetti tattvatah

manuṣyāṇām — von Menschen; sahasreṣu — von vielen Tausenden; kaścit — einer; yatati — bemüht sich; siddhaye — um Vollkommenheit; yatatām — von denen, die sich so bemühen; api — tatsächlich; siddhānām — von denen, die die Vollkommenheit erreicht haben; kaścit — einer; mām — Mich; vetti — kennt; tattvataḥ — in Wahrheit.


Text

Unter vielen Tausenden von Menschen bemüht sich vielleicht einer um Vollkommenheit, und von denen, die die Vollkommenheit erreicht haben, kennt kaum einer Mich in Wahrheit.

Purport

ERLÄUTERUNG: Es gibt verschiedene Klassen von Menschen, und unter vielen Tausenden ist vielleicht einer in solchem Maße an transzendentaler Verwirklichung interessiert, daß er zu verstehen versucht, was das Selbst, was der Körper und was die Absolute Wahrheit ist. Im allgemeinen gehen die Menschen nur den tierischen Neigungen nach, das heißt Essen, Schlafen, Verteidigung und Fortpflanzung, und kaum einer ist an transzendentalem Wissen interessiert. Die ersten sechs Kapitel der Gita sind für diejenigen bestimmt, die sich für transzendentales Wissen interessieren, das heißt für das Selbst, das Überselbst und für den Vorgang, durch jñana-yoga, durch dhyana-yoga und durch die Unterscheidung des Selbst von der Materie Wissen zu entwickeln. Krsna jedoch kann nur von denen erkannt werden, die Krsna-bewußt sind. Andere Transzendentalisten erreichen vielleicht die unpersönliche Brahman-Erkenntnis, denn dies ist einfacher, als Krsna zu verstehen. Krsna ist die Höchste Person, aber gleichzeitig befindet Er Sich jenseits der Brahman- und Paramatma-Erkenntnis. Was die yogis und jñanis betrifft, so sind sie völlig verwirrt, wenn sie versuchen, Krsna zu verstehen. Zwar hat der größte Unpersönlichkeitsphilosoph, Sripada Saṅkaracarya, in seinem Kommentar zur Gita anerkannt, daß Krsna die Höchste Persönlichkeit Gottes ist, doch seine Anhänger erkennen Krsna nicht auf diese Weise an, da es äußerst schwierig ist, Krsna zu verstehen, selbst wenn man die transzendentale Erkenntnis des unpersönlichen Brahman erreicht hat.

Krsna ist die Höchste Persönlichkeit Gottes, die Ursache aller Ursachen, der urerste Herr, Govinda. Īsvarah paramah krsnah sac-cid-ananda-vigrahah/ anadir adir govindah sarva-karana-karanam. Den Nichtgottgeweihten fällt es sehr schwer, Krsna zu verstehen. Zwar behaupten sie, der Pfad des hingebungsvollen Dienstes, bhakti-yoga, sei sehr einfach, aber sie selbst sind unfähig, ihn zu praktizieren. Wenn der Pfad der bhakti tatsächlich so einfach ist, wie diese Menschen behaupten, muß man sich fragen, warum sie dann dem schwierigen Pfad folgen. Im Grunde ist der bhakti-Pfad nicht einfach. Der sogenannte bhakti-yoga, wie er von unautorisierten Personen, die kein Wissen über bhakti haben, praktiziert wird, mag einfach sein, doch wenn es darum geht, tatsächlich nach den Regeln und Vorschriften des hingebungsvollen Dienstes zu leben, verlassen diese spekulierenden Gelehrten und Philosophen den Pfad. Srila Rupa Gosvami schreibt in seinem Bhakti-rasamrta-sindhu (1.2.101):

sruti-smrti-puranadi-
pañcaratra-vidhim vina
aikantiki harer bhaktir
utpatayaiva kalpate

„Hingebungsvoller Dienst für den Herrn, der sich nicht nach den autorisierten vedischen Schriften, wie den Upanisaden, den Puranas und dem Narada Pañcaratra, richtet, ist nur eine unnötige Störung in der Gesellschaft.“

Für den Brahman-verwirklichten Unpersönlichkeitsanhänger oder den Paramatma-verwirklichten yogi ist es nicht möglich, Krsna, die Höchste Persönlichkeit Gottes, als den Sohn Mutter Yasodas oder den Wagenlenker Arjunas zu verstehen. Selbst die großen Halbgötter sind manchmal verwirrt und können Krsna nicht verstehen (muhyanti yat surayah). In diesem Zusammenhang sagt der Herr: mam tu veda na kascana. „Niemand kennt Mich so, wie Ich bin.“ Und über denjenigen, der Krsna tatsächlich kennt, heißt es: sa mahatma su-durlabhah. „Solch eine große Seele ist sehr selten.“ Solange man also keinen hingebungsvollen Dienst für den Herrn ausführt, kann man selbst als großer Gelehrter oder Philosoph Krsna nicht so verstehen, wie Er ist (tattvatah). Nur die reinen Gottgeweihten können ein gewisses Ausmaß von den unbegreiflichen transzendentalen Eigenschaften Krsnas, der Ursache aller Ursachen, verstehen – von Seiner Allmacht und Seinen Füllen, Seinem Reichtum, Seinem Ruhm, Seiner Stärke, Seiner Schönheit, Seinem Wissen und Seiner Entsagung –, denn Krsna ist Seinen Geweihten wohlgesonnen. Er ist der höchste Aspekt der Brahman- Erkenntnis, und allein die Gottgeweihten können Ihn so erkennen, wie Er ist. Deshalb heißt es:

atah sri-krsna-namadi
na bhaved grahyam indriyaih
sevonmukhe hi jihvadau
svayam eva sphuraty adah

„Niemand kann mit seinen stumpfen materiellen Sinnen Krsna so verstehen, wie Er ist. Den Gottgeweihten aber offenbart Er Sich, da Er an ihnen Wohlgefallen findet, weil sie Ihm transzendentalen liebevollen Dienst darbringen.“ (Bhakti-rasamrta-sindhu 1.2.234)